«War es damals schöner als heute?»

«Ob es schöner war? Ich weiss es nicht. Es war ganz anders als heute. Also, es muss so 1962 gewesen sein. Ich war da fünf Jahre alt. Es hatte unheimlich viel geschneit. Es war eisig. Und wir konnten nicht einfach irgend eine Heizung aufdrehen. Wenn wir es warm haben wollten, mussten Holz und Kohle ins Haus. Gekocht haben wir auch mit einem Holz- und Kohle-Herd.
Zwei Strassen von unserer Wohnung entfernt befand sich zwischen den anderen Mietshäusern eine Holz- und Kohle-Handlung. Dort mussten wir hin. Meine Mutter packte mich in warme Klamotten und zog mich auf dem Schlitten durch die Strassen. Ich durfte mithelfen beim aufladen. Draussen war es schon dunkel und die Schneeflocken wirbelten wie fliegende Edelsteine durch die Lichter der Strassenlaternen. Das vergesse ich bis heute nicht.
Die Kohle-Handlung kam mir vor wie ein Riss mitten durch die Strassenschluchten. Ein hoher Bretterzaun trennte ihn vom Gehsteig. Dahinter glühte es wie in der Hölle. Die Kohlehändlerin hatte einen Ofen im Freien stehen. Ihr Geschäft brummte, die Kunden kamen und gingen, deshalb fehlte ihr die Zeit sich in ihrer Hütte aufzuwärmen.
Kohle gab es in den unterschiedlichsten Sorten – Braunkohle, Koks, Eierbriketts, Steinkohle. Sie wurden mit einer Schütte abgewogen und dann direkt in Säcke gefüllt. Wir nahmen immer gebündelte Briketts, weil man die besser auf dem Schlitten transportieren konnte. Mein Job war das Brennholz aufzuladen. Die zu runden Ballen gebundenen Hölzer waren leicht, aber man musste aufpassen, dass man sich nicht am Bindedraht die Hand aufschnitt. Die Holzballen hatten einen wunderbaren Geruch. Ich liebe den Geruch von frischem Holz heute noch.
Als wir alles auf unseren Schlitten geschichtet hatten, zurrte meine Mutter unsere Ladung noch zur Sicherheit mit einem Seil fest.
Der Rückweg war beschwerlicher. Meine Mutter zog und ich schob. Ausserdem passte ich auf, dass wir nichts von der wertvollen Fracht unterwegs verloren.
Holz und Kohle waren damals teuer. Bergmann zu sein, war damals ein angesehener Beruf. Heute gibt es sie kaum noch. Genau wie vieles andere.
Nach dem Abendessen, wenn mein Vater aus der Fabrik wieder zu Hause war, sassen wir zusammen und bastelten Weihnachtskarten. Wir freuten uns immer, wenn wir Weihnachtskarten bekamen und verschickten auch gerne welche. Aber eben keine gekauften, sondern selbst gemachte.
Heute macht man das nicht mehr. Die meisten antworten heute gar nicht mehr, wenn man ihnen eine Weihnachtskarte schickt. Noch nicht mal per Email. Obwohl das so simpel wäre. Die Menschen sind heute arroganter. Und für viele ist etwas selbst gebasteltes als Geschenk ein Zeichen von Armut, etwas lächerliches. Das war früher nicht so.
Auch neuen Christbaumschmuck haben wir selber gemacht. Man musste das Christkind ja unterstützen, dass konnte ja nicht alles alleine machen. Beim basteln haben wir ständig Radio gehört. Meine Eltern mochten Hörspiele besonders gerne und ich natürlich auch. Während wird Strohhalme für Sterne zuschnitten, segelten wir gleichzeitig zur Schatzinsel.
Mein Vater hatte den Tick, die Orangenschalen auf unseren Ofen zu legen. Die ganze Wohnung roch dann nach Orangen. Ein toller Geruch. Mann musste sie nur rechtzeitig wieder herunter nehmen. Meine Mutter hatte immer leichte Panik dass mein Vater uns die Bude über dem Kopf anzünden würde. Ist aber nie passiert.
Am Nachmittag des 24. Dezember ging es mit Vater ins Kino. Es gab da immer Kindervorstellungen mit Puppenfilmen. Die hab ich geliebt. Es war was ganz besonderes ins Kino zu gehen. Zimtkaugummi gab es da, der einem alles noch versüsste, aber auch etwas scharf war. Den mochte ich sehr gerne.
Als wir nach der Vorstellung nach Hause gingen, hatte meine Mutter schon das Christkind unter unserem Christbaum rumoren gehört. Und tatsächlich war es da gewesen. Zum Essen gab es immer Würstchen mit Kartoffelsalat und Bratäpfel zum Nachtisch. Das Essen interessierte mich nicht so, ich war mit meinen Geschenken beschäftigt. Meinen Spielzeug-Lastwagen aus Holz habe ich bis heute aufgehoben.
Tja, meine Kleine, so ungefähr war das damals bei mir. Für mich war es schön. Es war eben alles so, wie es heute eigentlich nicht mehr möglich ist, weil es auch diese Sachen nicht mehr gibt.»
«Doch Opa, eine Sache gibt’s noch. Hier, für dich – Zimtkaugummis.
Fröhliche Weihnachten, Opa!»
